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Philosophie der Physik

  • Philosophie.ch veranstaltete am Dienstag dem 14. April 2015 um 18:30 Uhr im Raum 115 im Hauptgebäude der Universität Bern (Hochschulstrasse 4) eine Podiumsdiskussion zum Thema Philosophie der Physik. Der Anlass stiess mit einer erfreuliche Besucherzahl von knapp 50 Personen auf reges Interesse.

Claus Beisbart, ausserordentlicher Professor mit Schwerpunkt Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern, gab den Zuhörerinnen und Zuhörer einen verständlichen Einblick in die Entwicklung und Thematik der Teildisziplin Philosophie der Physik. Er wies zu Beginn auf die historische Verflochtenheit von Physik und Philosophie hin, da zur Zeit der alten Griechen wie beispielweise Aristoteles eine „dürftige Datenlage“ bestand, und der Erkenntnisgewinn über Natur und Ursprung der Welt primär durch denken erfolgte. Danach thematisierte Professor Beisbart neuere Entwicklungen in der Physik, und eine damit verbundene Auseinanderentwicklung der beiden Gebiete. Die Philosophie der Physik übernahm grundlegende Fragen wie, worum es eigentlich in der Physik geht (vor allem in Anbetracht auf schwer zugängliche Ideen wie die Effekte der Relativitätstheorien, oder die Quantenmechanik), aber auch Fragen wie „was ist ein Experiment in der Physik; was eine physikalische Theorie?“ Im Anschluss an Prof. Beisbarts einführenden Worte wies der Einsteinforscher PD Dr. Sauer auf Einsteins Einfluss auf die Vorstellung von Raum und Zeit hin. Er habe sie grundlegend umgekrempelt, da Raum und Zeit nicht mehr als etwas Absolutes gegeben sind. In diesem Zusammenhang wies Herr Sauer auf den Umstand hin, dass die Philosophie durchaus einen Einfluss auf das Denken Einsteins hatte. Schliesslich sprach Michael Esfeld, ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Lausanne, über Materie, von ihren Ursprüngen im Denken der alten Griechen bis zur gegenwärtigen Quantenphysik. Er gab zu bedenken, dass die Natur der Realität weder nur aus einer Theorie folgt, noch gänzlich a priori durch Denken erschlossen werden kann.

Nach den Inputreferaten wurde bei der Podiumsdiskussion noch einmal etwas präziser nachgefragt, was die Philosophie der Physik überhaupt macht, wie sie es macht, und ob sie denn überhaupt betrieben werden soll. Zum Einstieg wurden die Podiumsteilnehmer mit der provokanten Frage konfrontiert, ob die Philosophie denn – wie Stephen Hawking sagt – nun mittlerweile tot sei. Natürlich ist sie dies nicht, so stimmen die Podiumsteilnehmer überein, und diese Ansicht wird auch bei der darauffolgenden Frage, ob die Ergebnisse der Philosophie der Physik in den Diskurs der Physik wieder aufgenommen werden, bekräftigt: Ja, ein Gedankenaustausch besteht.

Weitere Fragen die diskutiert wurden, drehten sich beispielsweise um die Methodik in der Philosophie der Physik, ihre Geschichte und ihre Relevanz im komplizierten Feld der Quantenphysik.

Anschliessend wurden noch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Unter anderem wurde gefragt, wer denn besser für die Philosophie der Physik geeignet ist, philosophische Physikerinnen und Physiker, oder physikalisch gebildete Philosophinnen und Philosophen. Schliesslich wurde nochmals die Frage gestellt, ob die Physik uns denn die Realität erklären könne. Eine Frage in der sich schön zeigt, dass eine kritisch-philosophische Beschäftigung mit der Thematik Physik wichtig ist, und auch im Interesse des wissensdurstigen Menschen steht. Herr Sauer wies darauf hin, dass der Glaube an eine Realitätsbeschreibung durch die Physik abnimmt, je mehr man in einen spekulativen Bereich kommt. Auch Professor Beisbart wies auf die Problematik der Theoriebestandteile hin, welche nicht mehr direkt durch die Erfahrung zugänglich sind. Innerhalb der Philosophie der Physik wird in beide Richtungen argumentiert. Einerseits haben wir Grund zu glauben, dass die Physik uns die Realität erklärt, da die physikalischen Theorien grossen Erfolg (z.B. bei Voraussagen) aufweisen, und dieser mit einer Korrespondenz zur Realität zu erklären ist (wissenschaftlicher Realismus). Andererseits erkennt man auch, dass sich in der Geschichte der Physik immer wieder Ablösungen von Theorien durch andere Theorien ereigneten, und es darum Grund gibt zu glauben, dass auch die momentane Theorie durch eine andere abgelöst werden könnte (pessimistische Metainduktion). Professor Esfeld meinte schliesslich, dass es jedoch gewisse grundlegende Gedanken gibt, die bleiben, wie beispielweise, dass die Welt aus Teilchen besteht, bei denen sich nur die Parameter ändern. Ob die Physik die Realität nun beschreibe sei, so Esfeld, aber auch eine Frage die man beantworten muss, indem man sich mit den Theorien an sich befasst (wie etwa bei einer Abstimmung mit dem Abstimmungsbüchlein).

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  • Philosophie der Physik? Was ist das überhaupt?
  • Viele der Theorien der Physik waren sehr erfolgreich darin unsere Beobachtungen über die Welt vorauszusagen, und uns eine Erklärung der Welt zu liefern. Hier setzt die Philosophie der Physik an: Sie versucht zu verstehen was Theorien der Physik sind und sie versucht die Theorien der Physik zu interpretieren, unter anderem um herauszufinden was sie uns &¨ber die Realität sagen. Beispielsweise werden in der Physik mitunter Begriffen wie Wahrheit, Wirklichkeit, Natur, Phänomen usw. gebraucht. Wie genau diese Konzepte zu verstehen sind, ist jedoch eine Frage die von der Philosophie der Physik geklärt wird.
  • Betrachten wir dieses Ziel der Philosophie der Physik die physikalischen Theorien zu interpretieren am Beispiel einer Aussage, welche die Intensität eines Kraftfeldes beschreibt:
  • „Das Kraftfeld hat hier die Intensität von 100 Dyn pro Franklin“
  • Hier stellen sich die Fragen: Wie ist diese Aussage zu verstehen? Soll man sie wörtlich nehmen, und somit annehmen, dass Kraftfelder Dinge sind die wie Computer und Kaffeetassen existieren? Oder ist sie im übertragenden Sinn zu verstehen, und für die Wahrheit der Aussage ist es nicht nötig, dass ein Kraftfeld real in der Welt existiert?
  • Stephen Hawking, welcher der Philosophie kritisch gegenüber steht, schrieb in „The Nature of Space and Time“, dass eine physikalische Theorie nur ein mathematisches Modell ist, und dass es sinnlos ist zu fragen, ob es der Realität entspricht. Diese Aussage ist jedoch selbst philosophisch, da sie sich mit der Bedeutung und Leistung der physikalischen Theorien auseinandersetzt. Fraglich ist auch, ob es die korrekte Interpretation der Physik ist. Bei Fragen wie diesen liegt also die Schnittstelle zwischen Physik und Philosophie, und es ist interessant zu bemerken, dass viele Philosophen der Physik selbst auch Physiker sind. (1)

Auf dem Podium waren

(Universität Bern)

(Universität Bern)

(Université de Lausanne)


(1) Quellen:
Marc Lange, "An Introduction to the Philosophy of Physics" (Oxford: Blackwell Publishing, 2006), ix – xvii.
Jeremy Butterfield and John Earman. “Introduction.” In Philosophy of Physics: Part A, edited by Jeremy Butterfield and John Earman, xiii-xxii. Amsterdam: Elsevier B. V., 2007.
Stephen Hawking and Roger Penrose. The Nature of Space and Time. Princeton: Princeton University Press, 1996.
Carl Friedrich von Weizsäcker. Zum Weltbild der Physik. Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 1963.