Umkehr oder Untergang
Umkehr oder Untergang! Das ist für mich die Quintessenz von Karl Jaspers´ Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen (1958). Auch heute können wir uns angesichts der aktuellen Kriege wieder die Frage stellen: Umkehr oder Untergang? Im Jahr 2024 wird schätzungsweise jeder siebte Mensch von einem Krieg oder Konflikt betroffen gewesen sein.1 Die Eskalationen im Nahostkonflikt und der Krieg in der Ukraine sind besonders besorgniserregend. Dies umso mehr, als hier auch Atommächte involviert sind. Ob Russland es wagt, eine atomare Drohung tatsächlich auch umzusetzen, wurde seit Ausbruch des Krieges oft diskutiert. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei gering, aber auszuschließen ist es nicht, so der Politologe Gerhard Mangott.2 Laut Stockholmer Friedensinstitut SPIRI gibt es aktuell 12.121 Atomsprengköpfe auf unserer Welt.3
Wohl auch um den Ernst der derzeitigen Lage in den Fokus zu rücken, ergeht der Friedensnobelpreis 2024 an die japanische Organisation Nihon Hidankyo. Sie wurde von Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gegründet. Das Leid der Betroffenen verleiht der Forderung nach Ächtung der Atomwaffen besondere Glaubwürdigkeit.4 Auch 2017 wurde eine Anti-Atombomben-NGO mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, die erfolgreich agierende Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen – kurz ICAN. 167 Staaten bekennen sich heute zu dem Vorhaben, Atomwaffen zu verbannen. Über 70 davon haben den Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) ratifiziert.5 Die Vertragsstaaten verpflichten sich damit, keine „Kernwaffen zu entwickeln, zu erproben, zu erzeugen, auf andere Weise zu erwerben, zu besitzen oder zu lagern.“6
Dieses starke Bekenntnis zu einer atomwaffenfreien Welt kann hoffnungsvoll stimmen, es sollte aber nicht dazu führen, Gefahren zu unterschätzen oder zu negieren. Deshalb sind die Überlegungen von Jaspers heute wieder von besonderer Aktualität – sie lassen wenig Spielraum, die nukleare Situation zu verdrängen und in der Folge untätig zu bleiben.
Existenzphilosophie und Politik
Jaspers analysierte und kommentierte die politischen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv. Die Brille, mit der er die Ereignisse betrachtete, war allerdings durch und durch existenzphilosophisch geprägt. Tod, Leid, Kampf, Schuld und das Scheitern sind zentrale Themen in seinen philosophischen, aber auch politischen Schriften. Hinzu kommen prägende biografische Aspekte, die zwei Weltkriege und seine kränkliche und schwache Konstitution. Die Radikalität seiner auch umstrittenen Standpunkte ist meiner Ansicht nach nur vor diesem Hintergrund zu verstehen.
Sein Denk- und Schreibstil hingegen war nicht radikal. Seine Sprache zeichnen eine „nüchterne Sachlichkeit“ und ein „schmuckloser Ernst“ aus. Der Stil verzichte „auf alle Bezeugungen von Rede- und Überredungskunst“,7 so der Literaturwissenschaftler Dieter Lamping. Jaspers setzt sehr auf eigene Einsicht, die er durch Appelle hervorrufen will. Das gilt auch für sein Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Ein Radiovortrag aus dem Jahre 1956, liegt dem Buch zugrunde. Aus dieser Saat erwuchs dann das ausführliche Werk. Auf hunderten von Seiten wird gedacht, differenziert, analysiert, erklärt, um Gedanken und Argumente gerungen. Es gab großes Interesse an dem, was Jaspers von seiner Schreibstube in Basel aus zu verkünden hatte. Aus dem Atombombenbuch wurden wichtige Teile „Wochen hindurch in den Hauptprogrammen der deutschen Rundfunkanstalten gesendet“,8 erinnerte sich später der Verleger Klaus Piper. Jaspers war damals ein Bestsellerautor. Alleine die Werke, die im Piper Verlag erschienen sind, wurden von 1946 bis 1969 fast eine Million Mal verkauft.9
Vielleicht war er auch deshalb erfolgreich, weil er bewusst pointierte Positionen vertrat, was er Jahre später gegenüber seinen Kritikern auch verteidigte, indem er schrieb: „Der politische Schriftsteller muß die Dinge denkend auf die Spitze treiben. Denn nur auf diesem Wege wird Klarheit. Sie entsteht durch die idealtypische Steigerung zum Guten und zum Bösen hin. Diese Steigerung ist nicht als solche die Wirklichkeit, sondern an ihr wird die Wirklichkeit gemessen.“10
Schauen wir uns diese zugespitzten Gedanken exemplarisch an.
Endzeit – Zeitenende
Umkehr oder Untergang, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Entweder wir, die Menschen, ändern uns, oder aus der atomaren Bedrohung folgt der Untergang, das Ende, die Auslöschung des Lebens auf Erden.11 Wie bei allen apokalyptischen Szenarien, stehen wir hier vor dem Problem der Hoffnungslosigkeit. Durch den Verstand kommen wir zu einem eindeutigen Schluss: Die Menschen waren bisher unvernünftig, sie werden es auch in Zukunft bleiben. Die Staatenlenker sind unvernünftig, sie haben zu viel Macht, vor allem jene, die die Bombe besitzen. Die Lage ist hoffnungslos, es ist nur noch eine Frage der Zeit bis weitere Kriege und ein neuerlicher Abwurf einer Atombombe kommen wird. Aus Perspektive der Vernunft gibt es für Jaspers eine Chance auf Veränderung. Doch dazu bräuchte es eine andere Politik, eine neue Politik.12
Das heißt kurz gesagt: Um den Weltfrieden zu erreichen, braucht es eine Politik, die sich am Überpolitischen orientiert, wie Jaspers es nennt. Die beginnt damit, dass die alte moralische Forderung du sollst nicht töten ihr Orientierungsrahmen sein soll. Die neue Politik kann nur durch Kooperation entstehen. Die Koexistenz von Völkern, Nationen, Kulturen und Religionen reicht nicht aus. Dazu zählen auch: Recht und Gerechtigkeit statt Gewalt – Publizität, d. h. unbegrenzter weltweiter Nachrichtenaustausch, ohne Zensur – Gleichheit aller Menschen und Völker – die Politik soll mit offenen Karten spielen, Schluss mit geheimen Vorhaben und versteckten Interessen – Verzicht auf Willkür – Einschränkung staatlicher Souveränität zu Gunsten von Kooperation und Demokratie.
Für den Untergang hatte Jaspers zwei Szenarien im Kopf: (1) den Atomkrieg und (2) den politischen Totalitarismus. Bei Punkt zwei bezieht er sich auch auf Hannah Arendt.13 Sie habe „das schlechthin Neue erkannt“, schreibt Jaspers. Der Totalitarismus sei mehr als „Despotie und Tyrannei.“14 Terror, Vernichtungslager, Entmenschlichung der Menschen, Zerstörung aller sozialen Strukturen und umfassende despotische Kontrolle aller Lebensbereiche gehören dazu.15 Die zentralen Aspekte, Terror und Konzentrationslager, die Arendt und Jaspers im Blick hatten, haben sich in der Totalitarismus-Forschung nicht als Hauptmerkmale totalitärer Systeme durchgesetzt. Zentral bleibt aber der umfassende Herrschaftsanspruch. Totalitarismus „bezeichnet einen Typus moderner Diktatur, die man auch als Weltanschauungsdiktaturen mit totalem Herrschaftsanspruch bezeichnen kann. Insofern unterscheidet sich dieser Typus grundlegend von autoritären Diktaturen, die keine umfassende Kontrolle über alle Lebensbereiche anstreben und begrenzten gesellschaftlichen Pluralismus zulassen.“16
Dieses drastische Bild einer totalitären Politik sollte mitbedacht werden, um die Dramatik und Ernsthaftigkeit, die Analysen und Schlüsse aus dem Atombombenbuch von 1958 deuten zu können. Dazu gehört auch Jaspers´ Gedanke, ob man nicht eine Atombombe einsetzen könne, um ein totalitäres politisches System zu verhindern.17
Eine bipolare Welt
Die politische Lage im Jahre 1958 wurde beherrscht von zwei Mächten: Sowjetrussland und den Vereinigten Staaten. Nur sie hatten zu diesem Zeitpunkt Atomwaffen. Jaspers Einschätzung nach war damals die Sowjetunion den Amerikanern und dem Westen in Bezug auf konventionelle Waffen überlegen. Wäre damals erneut ein großer Krieg ausgebrochen, hätte Russland nach einem Sieg einen totalitären Weltstaat errichten können. So Jaspers´ Befürchtung.18
Wenn unter diesen Gesichtspunkten über einen Krieg nachgedacht wurde, ergaben sich für ihn im schlimmsten Fall zwei Möglichkeiten. (1) Eine menschliche Katastrophe durch den Einsatz von Atombomben, inklusive der Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit, oder (2) eine totalitäre Herrschaftsform durch die Sowjetunion, was für Jaspers gleichbedeutend wäre mit der Auslöschung eines menschenwürdigen Daseins.19
Zudem vermutete Jaspers, dass eine Ablehnung eines Einsatzes nuklearer Waffen von Seiten des Westens ohne Wenn und Aber nicht bedeutet, dass sie nie zum Einsatz kommen würden. Russland könnte nach einem Sieg die Bombe taktisch einsetzen, um Widerstand gegen die totalitäre Herrschaft zu brechen, so seine Überlegung.20 Das bedeutet in letzter Konsequenz, wenn überhaupt erwogen werden kann, zum äußersten Mittel eines Abwurfs einer Atombombe zu greifen, dann nur, um damit die freie Welt im Notfall zu verteidigen oder zumindest zu verhindern, der totalen Herrschaft ausgeliefert zu werden. Darüber müsse tabulos und intensiv nachgedacht werden, auch wenn es nicht möglich ist, den Ernstfall gedanklich vorwegzunehmen. Das ist die dystopische Seite seiner Überlegungen.
Die positive Utopie, die Jaspers dem entgegenstellt, ist die Forderung nach einer neuen Politik: eine Politik, die angesichts der verheerenden Folgen eines Atomkrieges aufhört, machtpolitisch ihre nationalen Interessen zu verfolgen, sondern zugunsten eines Weltfriedens auf Gewalt und Krieg verzichtet. Dass diese möglich sein sollte, wurde damals schon heftig bestritten. Auch Jaspers wusste, die Chance zur Umsetzung dieser Forderung geht gegen null, trotzdem hält er daran fest.
Wer den Abschnitt Totale Herrschaft oder Atombombe liest, kann nachspüren, wie Jaspers um Argumente ringt und wie stark ihm die reale Möglichkeit des Untergangs zu schaffen macht. Es sind mehr als politische Gedanken eines großen Philosophen, es ist auch ein schriftlich dokumentierter innerer Kampf um Argumente, für Vernunft, für Frieden. Doch sein Denken und seine Argumente eckten auch an.
Gegenwind
Der Philosoph Günther Anders, der einen großen Teil seiner Lebensenergie in seine Anti-Atombomben-Schriften gesteckt hat, war so über die Ausführungen von Jaspers erbost, dass er das Atombombenbuch als indiskutabel verwarf. Anders hatte durch seine erste Ehefrau, Hannah Arendt, eine indirekte Verbindung zu Jaspers. Bei ihr hat er sich in Briefen auch abschätzig über Jaspers´ Schriften zur Atombombe geäußert.21 Unzulänglich und verfehlt seien die Ansichten darin.22 Auch öffentlich bezeichnete er das Jaspers-Buch als hohl.23 Vor allem kritisierte Anders die darin enthaltene Abschreckungsthese, also die Hoffnung, dass sowohl die USA als auch die UdSSR einen Angriff vermeiden, da beide Seiten in der Lage wären, den Gegner auch nach einem atomaren Erstschlag zu vernichten.
Auch von anderer Seite blies Jaspers viel Gegenwind entgegen. Rudolf Augstein nannte das Atombombenbuch sein erfolgreichstes aber auch schwächstes Werk, er warf ihm fehlende politische Kenntnisse und die Dämonisierung der Sowjetunion vor.24 Das Buch wurde auch emotional aufgenommen. Als Nato-Philosoph wurde Jaspers beschimpft, weil er die Einheit von Europa und Amerika beschwor und weil er der UNO in dieser frühen Phase ihres Bestehens nicht zutraute, einen relevanten Beitrag zum Weltfrieden zu leisten.25
Was schwerer wiegt als die kritischen Stimmen zum Buch, ist die Frage: Durchkreuzte Jaspers durch die Überlegungen zum Einsatz der Bombe nicht auch das, was er selbst als neue Politik etablieren wollte? Wer bereit ist, im Ernstfall die Atombombe einzusetzen, schafft keine Atmosphäre, die Vertrauen und Offenheit zulässt. Das sind aber wichtige Voraussetzungen für Verhandlungen, Abrüstung und Frieden.
Apokalypse-Blindheit
In manchen Punkten waren sich Günther Anders und Karl Jaspers aus meiner Sicht einig: (1) Die nukleare Gefahr und ihr Zerstörungspotential werden von vielen Menschen nicht ausreichend wahrgenommen und deshalb auch nicht angemessen darauf reagiert, Apokalypse-Blindheit nannte es Günther Anders.26 Auch Jaspers ist darüber besorgt, dass viele der Gefahr gegenüber blind sind, nicht sehen wollen, was offen vor Augen liegt. Er schreibt dazu: „Man läßt es stehen, als ob es einen nichts angehe, da es ja in diesem Augenblick, hier und jetzt, noch nicht akut ist. Wie der Kranke sein Karzinom vergißt, der Gesunde, daß er sterben wird, der Bankrotteur, daß kein Ausweg mehr ist, verhalten wir uns so auch gegenüber der Atombombe.“27
(2) Die reale Möglichkeit, dass im Falle eines Nuklearkrieges alle sterben würden, biete zwei Reaktionsmöglichkeiten, einerseits eine Chance sich zu besinnen28 anderseits aber unentschlossene Gleichgültigkeit. Die Gefahr ist so abstrakt, so unwirklich, so schwer vorstellbar, dass sie gleichgültig hingenommen wird. Günther Anders nennt es Apokalypse-Indifferenz.29
Ist somit der Untergang als Szenario ein Bild, das uns zukunftsvergessen und alltagsversessen macht? Werden wir dadurch, unentschlossen, antriebslos, ja sogar gleichgültig? In diesen Zustand der Gleichgültigkeit zu verfallen, ist für Jaspers der Todfeind der Demokratie und des Strebens nach Frieden und Weltfrieden. Dies gelte es zu verhindern. Diesem Anspruch folgt er selbst, indem er unermüdlich an seinen Büchern schreibt, die keinen Zweckoptimismus verströmen, sondern sich bedingungslos und nachdrücklich für Demokratie und Frieden einsetzen.
Günther Anders dagegen begegnet der für ihn winzigen Chance, dass eine Atombombe die Menschheit nicht auslöschen werde, mit Pessimismus. Wortgewaltig erklärt er in einem Interview, dass er Hoffnung nicht kenne, Trost nicht brauche, und die eigene Verzweiflung zu ignorieren sei.30 Der psychologisch geschulte Arzt und Philosoph Jaspers würde dem wohl nicht beipflichten. Diese Haltungen wären dem Vorhaben einer neuen Politik nicht dienlich.
Die Gefahr erneut vor Augen
Die Argumentationslinien von damals kehren immer wieder. So könnte man auch heute sagen, die Verleihung von Friedensnobelpreisen an Anti-Atombomben-Organisationen ist schön und gut, aber ist das nicht letztlich wirkungslos? Entscheidend bleibt doch, ob die Atommächte weiterhin am nuklearen Tabu festhalten.
Letztlich laufen diese Bemühungen ins Leere ist ein Standpunkt, dem das Verstandesdenken zustimmen würde. Aber die Gegenfrage lautet: Kann diese Haltung eine Grundlage sein, um den zerstörerischen Tendenzen unserer Zivilisation entgegenzuwirken? Sogenannte Realisten ersticken berechtigte und ehrgeizige Bemühungen im Keim mit Denkmustern, die nur aufzeigen, warum ein Vorhaben nicht gelingen kann. Ist das wirklich Realismus oder schlicht ein Ausdruck der Resignation und Hoffnungslosigkeit?
Das Atombombenbuch von Jaspers trotzt dieser düsteren Perspektive, er kämpft mit der Vernunft, als Mittel der Philosophie, für den Frieden. Es stimmt, die Chance auf eine atomwaffenfreie befriedete Welt ist verschwindend klein. Doch dieses Ziel zu erreichen wäre ein echter Wendepunkt der menschlichen Geschichte: dauerhafter Friede und Ende der menschlichen Gewalt! Was ist die Alternative? Tod und Verderben, atomarer Winter und radioaktive Verseuchung der Umwelt?
Die Stärke von Jaspers´ Denken liegt meines Erachtens darin, dass er auch heute noch die ernsthafte Diskussion über die Atombombe mit differenzierten Überlegungen bereichern kann. Idealisierte Lösungen lehnt er ab. Aber hat er eine Lösung parat? Nein, denn erstens lehnt er vorgefertigte Lösungsangebote, die dann einfach nur zu befolgen wären, ab. Zweitens geht Jaspers mit seinem Ansatz über die traditionellen Motive und Ziele der Politik hinaus. Es geht ihm um mehr als um Macht, Einfluss, Geld, Anerkennung, Eitelkeit, Gestaltungswillen. Was es für ihn braucht, ist ein neues Ethos!
Ein neues Ethos
Jaspers´ Motiv der Umkehr zielt auf den ganzen Menschen ab, es spricht eine existentielle, tiefgreifende Umwälzung im Inneren an.31 Es betrifft den Charakter und die Moral einer jeden einzelnen Person. Er spricht damit an, was in der Philosophie unter Ethos verstanden wird. Was ist damit gemeint?
Die Entscheidungen und Handlungen eines Menschen sind oft die Grundlage, um zu beurteilen, was für einen Charakter jemand hat. Aristoteles denkt, sind Rede und Handlung eines Menschen edel, so ist es wahrscheinlich auch der Mensch dahinter. Es ist ein Gradmesser dafür, wie tugendhaft ein Mensch ist. Das ist eine der Bedeutungen von Ethos (griech.: êthos: Charakter, Gewohnheit, Sitte32). Hier hat es etwas mit unserer Einstellung zum Leben zu tun, was für uns Bedeutung hat oder worin wir verwurzelt sind, welche Werte uns Orientierung geben. So kann das persönliche Ethos als innere Haltung oder Gesinnung bezeichnet werden, als Grundlage für die Werte und Regeln, die man vertritt und für die man eintritt, als Entscheidungsgrundlage für unsere Handlungen.
Der Prozess der Umkehr beginnt somit auch im kleinen, intimen, privaten Rahmen. Diese Veränderungen sind keine Hauruck-Ereignisse, vielmehr eine stufenweise innere Vergewisserung dessen, was ich will. Es geht darum, Freiräume in Eigenverantwortung zu nutzen. Dazu gehört als weiterer Schritt, Politik mitzugestalten; für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Besonnenheit, Dialog und Frieden einzutreten, auf lokaler und globaler Ebene. Mit Hilfe der Vernunft will Jaspers uns überzeugen und an uns appellieren. Das vernunftgeleitete neue Ethos beinhaltet auch Wahrhaftigkeit und Redlichkeit – d. h. auch, Tatsachen nicht zu beschönigen und die Gefahren nicht kleinzureden.33
Die Alternative Umkehr oder Untergang beinhaltet die Forderung an alle politischen Akteure, sich in den Dienst des Weltfriedens zu stellen. Für Jaspers ist es nicht Aufgabe der Philosophie, einen konkreten Weg vorzugeben. Philosophieren trägt aber dazu bei, die Urteilskraft zu schärfen und die Vernunft zu stärken.
Jaspers geht es um ein politisches Bewusstsein, also darum, wie man in diesem Fall vernünftig und umsichtig mit der Situation der Bedrohung umgeht. Denken allein reicht dazu nicht aus, letztlich kommt es darauf an, wie wir handeln. Es geht somit um die Verbindung von philosophischem Denken, ethischer Verantwortung und praktischem Handeln. Dazu hat Hannah Arendt bei ihrer Laudatio zum Friedenspreis 1958 gesagt: „Philosophie hat mit Politik gemeinsam, dass sie alle angeht.“34 Dies sei eine Grundüberzeugung von Karl Jaspers. Und daraus erwächst auch die Verantwortung, sich in den Diskurs einzumischen und der Apokalypse-Blindheit entgegenzuwirken.
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1. Vgl. ACLED, o. J.
2. Vgl. Mangott, 2023
3. Vgl. SPIRI, 2024
4. Vgl. Nobel Prize Outreach, 2024
5. Vgl. ICAN, o. J.
6. Vereinte Nationen, 2017, Artikel 1a. Das Engagement dieser Organisation hat im Jahre 2007 begonnen. Am 23.12.2016 beschlossen die Vereinten Nationen, Verhandlungen über ein Verbot von Atomwaffen in die Wege zu leiten. Schon Ende März 2017 gab es die erste Verhandlungsrunde, die in einer zweiten Runde am 07. Juli 2017 in New York abgeschlossen wurde.
7. Lamping, 2018, S. 63
8. Piper, 1974, S. 187
9. Vgl. Piper, 1974, S. 191
10. Jaspers, 1967, S. 234
11. Seit dem Atombombenabwurf in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 ist laut dem Philosophen Günther Anders eine neue Zeit angebrochen, die Endzeit. Das Zeitalter, das es uns ermöglicht alles Leben auf Erden zu beenden, hat begonnen. Vgl. dazu Anders, 1983, S. 93f.
12. Vgl. Jaspers, 1988, S. 45f., 281f., 324, 516f.
13. Jaspers, 1988, S. 170; Vgl. dazu auch das Geleitwort von Jaspers in Hannah Arendts Totalitarismus Werk. Arendt, 2017, S. 11-14. Arendt hat einst bei Jaspers promoviert, hatte aber nach ihrer Flucht aus Deutschland (1933) lange Zeit keinen Kontakt mehr zu Jaspers. Im November 1945 nahmen sie nach 12 Jahren wieder Kontakt auf und entwickelten ein freundschaftliches Verhältnis. Vgl. dazu Arendt, 2015, S. 34
14. Arendt, 2017, S. 11
15. Vgl. Arendt, 2017, S. 954f., 958 – 966, 970
16. Vollnhans, 2006, S. 27
17. Vgl. Jaspers, 1957, S. 22
18. Vgl. Jaspers, 1988, S. 257f.
19. Vgl. Jaspers, 1988, S. 253
20. Vgl. Jaspers, 1988, S. 253
21. Vgl. Arendt & Anders, 2016, S. 77
22. Vgl. Arendt & Anders, 2016, S. 71, 73
23. Vgl. Anders, 1983, S. 94
24. Vgl. Augstein, 1974, S. 306f.
25. Vgl. Koch, 1974, S. 249; vgl. dazu auch Weidmann, 2011
26. Vgl. Anders, 1983, S. 106 und den Abschnitt S. 106-125
27. Jaspers, 1988, S. 17,
28. Vgl. Jaspers, 1988, S. 16
29. Anders, 1983, S. 185
30. Vgl. Anders, 1987, S. 53
31. Vgl. Jaspers, 1957, S. 17-20 und Jaspers, 1988, S. 45-49
32. Vgl. dazu Höffe, 2005, S. 212-216 und Höffe, 2009, S. 18f.
33. Vgl. dazu Salamun, 1991, S. 65f. und Salamun, 1995, S. 73
34. Arendt, 1958, Abs. 6
References
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